Samstag, 25. September 2010

Behinderte Kinder - behinderte Mütter? (1)

In einem stillen Moment dieser mittlerweile vertrauten Gefühls-Mischung aus Anklage, Schuldgefühlen, Ambivalenz und ehrlicher Suche nach Lösungen greife ich nach zwei Jahren mal wieder zu einem Buch über das Leben von Müttern mit behinderten Kindern. Ich hatte es damals gefunden und bestellt, als ich eine Phase hatte, in der ich mich intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt hatte. Es heißt Behinderte Kinder - behinderte Mütter? und ist geschrieben von Monika Jonas, einer Therapeutin und Pädagogin mit sehr viel Erfahrung in der Frühförderung und Beratung von Müttern mit behinderten Kindern. Das Buch richtet sich an die Mütter, aber auch alle Professionellen, die in der Therapie, Förderung und Beratung von Familien mit behinderten Kindern arbeiten.

Die Ehrlichkeit dieses Buches erschlägt mich fast. Ich hatte es zwar aus meiner Lektüre von vor zwei Jahren auch so in Erinnerung, aber jetzt weiß ich wirklich, worum es geht. Ich bin überrascht, dass einige meiner finstersten und rabenmütterlichsten Gefühle ganz natürlich und Teil eines ganz normalen Trauer- und Autonomieprozesses sein sollen. Es ist also völlig ok darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, wenn mein Kind in einem Heim untergebracht wäre?? Es ist völlig normal, dass man als Mutter eines behinderten Kindes einfach völlig überfodert sein muss, wenn man einen ganzen Tag mit ihm allein ist?  Es ist in Ordnung, sich selbst kompetent gegenüber dem Kind zu erleben und das Defizit-orientierte medizinische und therapeutische System zu hinterfragen? Ich brauche also keine Schuldgefühle zu haben, wenn ich die "Fehler" und "Makel" meines Kindes nicht um jeden Preis ausmerzen will?

So schreibt die Autorin z.B. darüber, wie ausweglos manche Mütter die starken Anforderungen, die ihr Kind an sie stellt, erleben:
" Diese Frauen machen ihren Kindern mehr oder minder offen den Vorwurf, dass sie ihr Leben verdorben haben. Sie empfinden Aggressionen gegen ihr Kind, erlauben sie sich aber nicht oder bringen sie eventuell subtil zum Ausdruck, z.B. durch hygenische Vernachlässigung. Ihre Grundstimmung ist depressiv. Sie fühlen sich ohnmächtig und gefangen in ihren Aufgaben. Sie haben das Gefühl, nichts verändern zu können, sie spüren keine Sehnsucht mehr, erwarten nichts mehr vom Leben und fühlen sich von ihrer Lebendigkeit abgeschnitten. Diese Frauen lassen das Leben nur noch über sich ergehen. Es gibt Mütter, für die aufgrund der sozialen Anforderungen und des verinnerlichten Selbstbildes als Mutter die Ambivalenz gegenüber dem Kind so unerträglich ist, dass sie sie nicht aushalten können und die "Flucht in die Geschäftigkeit" antreten. Diese Geschäftigkeit [...] ist als Signal an die Umwelt zu verstehen, dass eine Mutter, die so überaus aktiv für ihr Kind ist, ihr Kind doch lieben muss. Die Aktivität bekommt den Stellenwert eines Gradmessers für Liebe. Weder in der Mutter noch bei anderen dürfen Zweifel an der Liebe zum Kind aufkommen." 

Irgendwie fühlt sich das nach meinem ersten und zweiten Jahr mit Lennard an, die Zeit ab den ersten Anzeichen bis einige Zeit nach der Diagnose. Wobei mir diese Beschreibung auch jetzt nicht fremd ist. Zwar habe ich jene "Geschäftigkeit" abgelegt, aber die Schuldgefühle, die damit verbunden sind, begleiten mich auch heute noch.

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