Donnerstag, 9. September 2010

Wie alles begann

Auch wenn ich weiß, dass es eigentlich absurd ist, so habe ich auch jetzt - 4 Jahre nach Lennards Geburt - manchmal diese versteckten, heimlich zweifelnden Momente. In diesen Momenten überlege ich, ob ich nicht vielleicht doch ein klein wenig Schuld habe, an Lennards Behinderung. Wenn die Schwangerschaft doch etwas entspannter verlaufen wäre...oder war da vielleicht doch etwas während der wunderschönen Geburt....?

Als ich von B schwanger wurde, kannten wir uns gerade ein paar Stunden. Ich war Ende zwanzig, seit einigen Jahren solo, und auf einem Lonesome-Cowboy-Unabhängigkeits-Trip, der sich gewaschen hatte. Eine Beziehung? - wollte ich nicht, passte nicht in mein Leben, in dem ich es genoss, frei wie der Wind von einem Ort zum anderen zu ziehen. Ein Kind? - wollte ich irgendwie schon, eigentlich schon immer. Auch wenn ich mir irgendwie nicht vorstellen konnte, 9 Monate und mehr nicht abfeiern zu können.

Und trotzdem war da das unterschwellige Gefühl, dass ich mein erstes Kind haben wollte, bevor ich 30 bin. Einige Monate vor meinem 29. Geburtstag erklärte ich diese geheimen Phantasien für 1.) zeitlich völlig unrealistisch und 2.) völlig daneben.

Zwei Tage nach meinem 29. Geburtstag wurde ich schwanger.

Auch wenn B und ich uns sehr schnell einig waren, dass wir beide dieses Kind haben wollten, so war -nach einem kurzen Hoffnungsschimmer- klar, dass wir keine gemeinsame Zukunft als Paar hatten. Klar war aber trotzdem, dass wir gemeinsam Verantwortung übernehmen würden und uns zu gleichen Teilen für unser Kind einbringen wollten. Unser Plan: Die Schwangerschaft so gut es ging gemeinsam erleben (wir wohnten damals noch in verschiedenen Städten), und trotz allem kurz vor der Geburt und für das erste Lebensjahr unseres Kindes zusammenwohnen - als Eltern-WG.

Ich habe während der Schwangerschaft nicht viel daran gedacht, ob ich wohl ein gesundes Kind auf die Welt bringen würde. Als die Frauenärztin nach Pränatal-Diagnostik fragte, war ich mir sofort sicher, dass ich das nicht wollte. Mir war absolut klar, dass ich dieses Kind bekommen würde, egal was in so einem Test herauskommen würde - damit erübrigte er sich. Ich hatte eher Angst vor einer Fehlgeburt als davor, dass ich ein behindertes Kind gebären könnte.

Körperlich verlieft meine Schwangerschaft absolut problemlos - im Gegenteil, ich fühlte mich großartig. Alle Vorsorgeuntersuchungen waren unauffällig, und ich blieb bis zur Geburt konditionell und kräftemäßig in top Form.

Seelisch und psychisch war es weniger gut. Eigentlich fällt es mir jetzt noch schwer zu verstehen, warum ich es mir so schwer gemacht habe. Manchmal hat es mich schier zerrissen. Da war ich nun, das blühende Leben, in meinem Körper das größte Glück, was ich je erlebt hatte - und gleichzeitig war da oft ein riesiger seelischer Schmerz und große Pein. Ich hatte Wut auf B, dass er mich nicht auf Händen trug und mir nicht alles abnahm; ich hatte Wut auf meine Mutter (warum weiß ich nicht mehr genau, nicht so wichtig, Hauptsache Wut). Im Nachhinein ist mir klar, dass all dieser Schmerz und Wut etwas war, womit ich mich selbst angegriffen habe; und zwar für das tief in mir vergrabene Gefühl, dass ich mit dieser ganzen Situation mir selbst und anderen das ganze Leben vermasselt hatte.

Diese Zerrissenheit während dieser Schwangerschaft zeigte sich auch in dem Umgang mit mir selbst. Einerseits genoss ich es, ganz Frau zu sein, werdende Mutter, mit all der Sanftheit und Leidenschaft. Ich fand mich als Schwangere unglaublich schön, und ich liebte es, mich zu verwöhnen und mich auf mein Leben als Mutter vorzubereiten. Andererseits ging ich nicht gerade zimperlich, teilweise sogar hart mit mir selbst um: Ich arbeitete als ob nichts wäre bis zum Mutterschutz in meinem Beruf als Konditionstrainerin eines Eishockeyvereins. Ich ließ es dabei auch von mir abprallen, dass jener Verein mir kündigen wollte, als ich über meine Schwangerschaft informierte. Ich fuhr regelmäßig zu B und zu Vorsorgeterminen nach München. Ich trainierte die ganze Schwangerschaft teilweise sehr intensiv, wahrscheinlich auch deswegen - so vermute ich heute - weil ich mir und anderen etwas beweisen wollte. Ich organisierte und führte meinen Umzug zum großen Teil selbst durch; ich habe wie eine Wilde in der neuen Wohnung gewerkelt und renoviert. Irgendwie war für mich undenkbar, es mir während der Schwangerschaft einfach nur gut gehen zu lassen.

Gut zwei Monate vor meinem 30. Geburtstag kam Lennard zur Welt. Es war in der 42. Schwangerschaftswoche und nach einer ordentlichen Portion Rizinusöl. Die Geburt war so, wie ich sie mir gewünscht hatte: bei Kerzenlicht, im Geburtshaus. Eine Geburt, wie sie schöner nicht hätte sein können. Es war etwas anstrengend, weil Lennard als Sternengucker und leicht schiefeingestellt raus kam, aber alles noch gut mit Globuli auszuhalten. Er war ein kräftiges Baby, machte einen vitalen und gesunden Eindruck. Das Glück war unfassbar.

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