Es gibt Momente mit Lennard und im Zusammenhang mit Lennards Behinderung, die mein Herz berühren. Manchmal sind es ganz kleine Momente. Kleine Wunder könnte man wohl auch sagen.
Heute war der erste Elternabend in Lennards neuem Kindergarten. Da Lennard an diesem Wochentag immer bei B ist, war es klar, dass ich hingehen würde.
Ich beschloss, zu Fuß hinzugehen, so wie ich es auch oft mache, an den Tagen, an denen ich Lennard abhole. Irgendwie hat sich das über die letzten paar Wochen so eingebürgert; und ich genieße diese kleinen, halbstündigen Spaziergänge als eine Art Ruhepause in meinem Tagesablauf.
Als ich also so auf dem Weg war, gingen meine Gedanken zu dem sozialen Gefüge, was mich dort erwarten würde. Die Eltern und Kinder, die ich in der kurzen Zeit bisher kennengelernt hatte, waren mir sehr sympathisch, und auch Lennard sprach immer mehr Namen von den Kindern aus. Ich überlegte (mal wieder) wie das so ist und wird, mit dem sozialen Gefüge. "Normalerweise" geht es in dem Alter ja los, dass Kinder zunehmend Kontakt miteinander aufnehmen, sich vielleicht auch schon mal zu sich nach Hause einladen, zu Kindergeburtstagen ohne die Eltern...sie erzählen sich gegenseitig von dem, was sie erlebt haben, am Wochenende, im Urlaub. Es entwickeln sich Freundschaften, Vorlieben für bestimmte Kinder.
Wenn mich bis vor ein paar Monaten solche Gedanken überfielen, so überkam mich eine Angst, wie das so ist, wenn Lennard diesen Kontakt nicht eingehen kann. Wird er mal Freunde haben? Wird er sich am sozialen Leben ohne mich beteiligen können? Wird er mal eine Freundin haben? Werde ich mal Oma werden? Oder wird er ewig an mir kleben?
Als ich heute darüber nachdachte, überkam mich eine Art friedliche Feststellung. Ich merkte, dass ich eigentlich gar nicht so viel tun kann. Lennard wird das bekommen, was für ihn gut ist. Ich kann einfach darauf vertrauen, dass die Dinge, die er braucht, auf ihn zukommen werden. Auch wenn es irgendwie schwer vorstellbar war, dass ihn ein anderes Kind mal so zu sich nach Hause einlädt. Ich überlegte, ob damit den Eltern damit nicht zu viel zugemutet wird? So ein gesundes Kind, was zu Besuch kommt, das hüpft halt einfach so mit, aber Lennard? Hm. Also gut. Vertrauen. Offen bleiben. Nicht zu viel steuern. Ich habe noch sehr gut in Erinnerung wie meine Mutter meine sozialen Kontakte als Kind "gesteuert" hat, mich immer dazu bringen wollte, Kinder kennenzulernen und viele Freunde zu haben. Mir war immer klar, dass ich meinem Kind hier die absolute Freiheit geben will. Auch wenn es ein Kind wie Lennard ist, von dem ich ja gar nicht weiß, wie sehr er das will und was ihm möglicherweise im Weg stehen könnte.
Der Elternabend zog sich, war aber überraschend herzlich und ein guter Einstieg in dieses Kindergartenjahr. Als ich schon meine Jacke an hatte und mich gerade wieder auf den Heimweg machen wollte, kam eine Mutter auf mich zu. Sie fragte mich, ob das denn so passt, und ob Lennard nächsten Dienstag mitkommen kann? Ich blickte sie etwas verständnislos an. Also erklärte sie: Ihr Sohn feiert kommende Woche Geburtstag, und es geht ins Kindertheater, und er hat Lennard auch eingeladen. Die Einladung hatte sie auf Lennards Garderobenplatz gelegt. (Alles klar, daher wusste ich noch von nichts, da B ja Lennard heute abgeholt hatte). Sie würde die eingeladenen Kinder am frühen Nachmittag im Kindergarten abholen, dann mit allen ins Theater gehen, und anschließend noch zum Essen zu ihnen nach Hause.
Dass mich spontan ein tiefes Lächeln überkam, muss nicht gesagt sein. So selbtverständlich kann das sein? Wir besprachen noch kurz Details wegen Abhol-Vollmacht, Rollstuhl und Gehhilfe. Sie machte nicht den Hauch von Eindruck, dass das in irgendeiner Form kompliziert sein könnte, Lennard dabei zu haben. Dabei kannte ich sie bisher nur vom sehen!
Angeblich gibt es ja keine "kleinen" Wunder. Sondern einfach nur Wunder. Wie auch immer. Ein schöner Moment.
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