Dieses "Hilfe-und-Unterstützung-Finden"-Thema lässt mich nicht mehr los. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in der letzten Zeit kurioserweise wie gegen Wände gelaufen bin, als es darum ging, Unterstützung zu finden. Zumindest habe ich das so empfunden. Es war frappierend - indem Moment, in dem ich mir bewusst machte, dass ich Unterstützung will, finde ich keine. Vielleicht bin ich nur ungeduldig. Aber grundsätzlich stelle ich mir die Frage: Wie kann es sein, dass die Gesellschaft eine Mutter mit ihrem behinderten Kind allein lässt? Wieso wird mir zugemutet, dass ich meine Gesundheit riskiere, um meinen Sohn hebender- und tragenderweise durch den Alltag zu bringen? Lennard wiegt mittlerweile knapp 20kg, das ist viel, wenn es darum geht ihn aus und in den Rollstuhl zu heben, ihn vom Boden auf den Arm zu nehmen, ihn vielleicht eine Weile auf dem Arm zu halten, ihn ins Auto zu manövrieren, ihn auf irgendwelche Spielplatz-Rutschen zu hieven....dabei habe ich ja tatsächlich noch den Vorteil, groß gebaut zu sein - aber es geht definitiv an meine Grenzen. Wie geht es Frauen, die eher klein und zierlich sind?
Manchmal komme ich mir dann doch etwas divenhaft vor, wenn ich von einer non-stop Unterstützung träume. "Eigentlich" geht es mir doch nicht schlecht: Lennard hat einen Vater, der seine Verantwortung zu gleichem Teil annimmt; Lennard besucht seit dem er ein gutes Jahr alt ist ganztägig eine Kindertagesstätte. Soo viel Zeit, die man noch abfangen müsste bleibt ja eigentlich gar nicht....und die sollte ich doch gefälligst wie jede gute Mutter hingebungsvoll mit meinem Kind verbringen.
Und trotzdem denke ich mir: Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, die einfach nur mühevoll, körperlich belastend, und ermüdend sind, ist schon ein Tag, eine Stunde, eine Minute zu viel.
Und trotzdem träume ich weiter. Wie wäre es, wenn ich Lennard kurzfristig vom Kindergarten abholen lassen kann, wenn mir noch etwas spontan dazwischen kommt - statt abgehetzt und zähneknirschend anderen Dingen entsagend dort einzulaufen. Wie wäre es, wenn jemand mit dem Abendessen auf uns wartet, wenn wir am Freitag nach Kindergarten, Einkauf und einem entspannten Eisessen nach Hause kommen. Wie schön wäre es, wenn immer jemand dabei ist und mir beim Heben und Hieven hilft - im Park, beim Einkaufen, beim Eishockeyspiel. Wenn ich meinen Zeitplan und meine Freizeitaktivitäten nicht streng danach ausrichen müsste, wann Lennard bei mir bzw bei B ist.
Und natürlich will ich das nicht jeden Tag neu organisieren, sondern der-/diejenige ist halt immer da bzw verfügbar. Ein Kindermädchen-Aupair-Pflegekraft-Heilpädagoge/in. Ist möglicherweise gar nicht so schwer zu finden. Kostet aber.
Monika Jonas schreibt:
"Im politisch sozialen Bereich ist daran zu denken, dass in allen Frauenförderplänen die Situation der Mütter behinderter Kinder sichtbar gemacht und als besonders belastete Lebenssituation, die es zu verändern gilt, offengelegt wird. Denkbar wäre auch z.B., bei freiwerdenden Stellen Mütter behinderter Kinder bevorzugt zu berücksichtigen. [...]
Flankierend dazu könnte den Müttern das Geld zur Verfügung gestellt werden, das eine Heimunterbringung ihres Kindes den Staat kosten würde. Die Verfügung über dieses Geld läge im Ermessen der Frauen. Sie könnten selbst entscheiden, ob sie damit z.B. einen dauerhaften Pflegedienst für ihr Kind finanzieren möchten, so dass sie Raum und Zeit für eine selbstbestimmte Entwicklung hätten. Dies würde auch signalisieren, dass die Unzumutbarkeit der mütterlichen Arbeit für eine Frau alleine anerkannt und dass soziale Verantwortung dafür übernommen wird.
Ich meine, dass es darum geht, solidarische und deutliche Akzente zu setzen, um den Müttern der behinderten Kinder die sozialen Voraussetzungen zur Verfügung zu stellen, die ihnen ihren individuellen Prozess ermöglichen und diesen nicht noch zusätzlich erschweren. Dieser individuelle Prozess ist belastend und erschütternd genug für sie.
[...] Die Belastung und Erschwernis durch die dauerhafte Pflege ihres Kindes greifen tief und umfassend in ihr Leben ein und absorbieren all ihre Kräfte. Die Mütter können daher nur schwerlich selbst die notwendigen politischen Veränderungen initiieren. Gefordert sind die Frauenbewegung, PädagogInnen, TherapeutInnen, ÄrztInnen, PolitikerInnen, Selbsthilfeorganisationen, die die notwendigen sozialen Veränderungen durchsetzen, damit nicht länger billigend in Kauf genommen wird, dass aus Müttern behinderter Kinder "behinderte Mütter" zu werden drohen."
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