Montag, 26. Dezember 2011

Meine Weihnachtsgeschichte

(Deutsche Version des Posts vom 25.12.2011)

Ich muss etwas gestehen.
Ich habe keinen Weihnachtsbaum, und nur ein einziges kleines Weihnachtsgeschenk gekauft (für meinen Sohn).
Ich verbringe Weihnachten ganz alleine.
Seit vier Jahren. Aus einer bewussten Entscheidung heraus.
Ich genieße diese Tage zutiefst - und ich liebe Weihnachten.


Es ist dieser schnelle Blick, die kurze Vergewisserung meines Gesprächspartners - ob wohl alles ok sei mit mir. Schon hat er sich wieder gefangen und das Gespräch geht weiter. "Und, was machst Du so an Weihnachten?" war die Frage - die normalerweise mit einem mehr oder weniger routinemäßigen Plan beantwortet wird. Familie, Weihnachtsbaum, Geschenke....für manche mit mehr Stress, für einige gut organisierte und entspannte Menschen auch mit weniger Stress verbunden.

Ich bleibe zu Hause. Alleine. Kaufe keinen Baum und keine Geschenke. Und das nicht etwa, weil ich mit Weihnachten nichts anfangen kann oder gegen etwas rebellieren will - ich genieße es einfach. Weihnachten ist für mich Zeit der Ruhe, der Besinnung, der Meditation, der Erholung, des Bei-mir-Seins, der Freiheit, des Glaubens, des Verarbeitens, der Trauer, der Freude, der Rückschau und des Pläne schmiedens. All das kann ich sehr gut - alleine, in Ruhe, zu Hause.

In den Momenten, in denen ich es jemandem erzähle, komme ich mir trotzdem unterschwellig immer wieder wie ein komischer Außenseiter vor. Weihnachten alleine - das erwartet man eher von Leuten, die keinen Erfolg im Leben haben, unattraktiv sind, unsozial und daher mit der Familie verkracht sind, und auch sonst keinen Anschluss finden und einfach ein wenig seltsam sind. Irgendwie ist es "normaler" und akzeptierter, gesellig und familienverbunden zu sein - vor allem in Zusammenhang mit einem Fest wie Weihnachten.

Wie jedes Jahr seit vier Jahren habe ich auch dieses Mal meinen Sohn am frühen Nachmittag des Heiligabend verabschiedet - er ist nun mit seinem Vater bei seiner Oma. Ich liebe meinen Sohn über alles und immer mehr. Und ich freue mich riesig, wenn ich daran denke, wie er im Kreise seiner Familie väterlicherseits mit großen Augen am Weihnachtsbaum vor seinen Geschenken sitzt. Wie seine Oma sich darüber freut, ihn für ein paar Tage verwöhnen zu können. Und es ist für mich ein Geschenk, das ich das Vertrauen und die Ruhe haben kann, nicht dabei sein zu müssen.

Dann beginnt "mein" Weihnachten. Meistens spüre ich schon während der Adventszeit, wie ich diese Tage verbringen möchte, mit was ich mich beschäftigen will. Bestimmte, wegweisende Themen und Fragen tauchen auf, die ich für das folgende Jahr klären möchte. Das passiert zum Teil zu Hause, bei Kerzenschein, Tee, Rotwein, Papier, Stift; oder auch während langer Spaziergänge und auf meinen Laufstrecken. Manchmal miste ich Dinge aus, oder ich arbeite alle meine offenen Emails ab. Wichtige Zeit auch für mein Getting Things Done System - für ein Yearly Review oder eine allgemeine Generalüberholung.

Als ein Mensch mit introvertierten, sehr sensiblen und kreativen Zügen sind solche Zeiten für mich unersetzlich. Genau das nährt mich, das gibt mir Kraft, das erfüllt mich und gibt mir Orientierung. Und es gibt mir Zeit und Raum zu sehen, was ich im Alltag häufig übersehe: Was für einen super Job ich eigentlich leiste. Was für eine wundervolle Mutter ich meinem Sohn bin. Es ist die Zeit der Dankbarkeit mir selbst gegenüber - und eine Übung darin, aus dieser Dankbarkeit heraus gut mit mir umzugehen.

Dieses Jahr, ganz unerwartet in dieser friedlichen Stimmung, kurz nach dem mein Sohn weg war: traf mich gestern plötzlich das Gefühl von Langeweile und mir-fällt-die-Decke-auf-den-Kopf. Mein erster Impuls war, dieses Gefühl auszuhalten und mich hindurchzumeditieren - irgendwann würde es bestimmt wieder besser werden. Mein zweiter Impuls war, mir spontan für den nächsten Tag einen ca. zweitägigen Kurzurlaub in einer kleinen Pension am Tegernsee zu genehmigen - manchmal schlägt ein Tapetenwechsel halt doch jede Meditation. In meinem Koffer: Laufsachen (Seepromenade vs Theresienwiese!), viel Lemongrastee, eine Flasche Rotwein, eine große Kerze, viel Papier, zwei Stifte. So wie es aussieht werde ich auch die komplette 3. Staffel Californication per pensionseigenem WLAN schaffen (YES!)

Bin ich nun in Frieden damit, mein Weihnachten so zu verbringen? Einerseits ja. Andererseits gibt es mir auch das Gefühl, auf eine bestimmte Art und Weise nicht dazuzugehören. Mir tut es immer so leid, wenn ich Menschen sehe, die gestresst sind wie sonst kaum im Jahr - und doch kann ich dieses "Leid" irgendwie nicht teilen. Manchmal spüre ich auch Schuldgefühle, dass ich Weihnachten nicht mit meinem Kind verbringe.
Und: Ich vermisse es, meine Weihnachtserfahrungen wirklich mit jemandem teilen zu können. Jemanden zu treffen, der es auch so macht oder schon mal so gemacht hat oder auch ohne diese Erfahrung einfach wirklich weiß, was ich meine. Der mich nicht anschaut wie man einen leicht kauzigen Sonderling anschauen würde.

Und doch: Spätestens wenn ich erholt, entspannt und voller Ruhe meinen Sohn wieder in Empfang nehme, weiß ich trotz aller kleinen, unterschwelligen Zweifel, dass ich mir etwas Gutes getan habe. Und sein Vater und seine Oma ihm.

Ich liebe Weihnachten - und ich liebe es, anderen Menschen aus ganzem Herzen "Frohe Weihnachten" zu wünschen. Das will ich an dieser Stelle nochmals tun. Ob nun im großen oder kleinen Kreise: genießt die Zeit und ich freue mich auf eure Geschichten!
Mit weihnachtlichen Grüßen,
Patricia

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