"Often I feel the work is beneath me. Often I feel the work is beyond me. It must be important to me to feel that way. It must be important to me to think of my life as hard work and myself as a workhorse. Sometimes it feels good to feel so bad; it feels high to feel so low."
(Aus dem Buch "Momma Zen - Walking the Crooked Path of Motherhood" von Karen Maezen Miller)
Das fünfte Jahr brachte genau das, was ich nicht für möglich gehalten hatte: Die Möglichkeit, eine (fast-) Vollzeit-Pflegekraft/Kindermädchen einstellen zu können, einen Fahrdienst, der Lennard in den Kindergarten brachte und vom Kindergarten nach Hause, und einen tollen Mann, der sich liebevoll um Lennard kümmerte.
Die Nachricht riss mich vom Hocker: Kurz nach Lennards viertem Geburtstag hatte B's private Pflegekasse den Antrag auf Pflegegeld für Lennard bewilligt. Die Antragsstellung war ziemlich an mir vorbeigegangen, B hatte das irgendwann alleine eingefädelt, und so kam diese positive Nachricht für mich urplötzlich aus dem Nichts. Und das in einer Zeit, wo es bei mir wegen meiner beruflichen Neuausrichtung eh finanziell etwas eng war. Dass der Betrag hoch genug war, um eine fast-Vollzeit-Pflegekraft einzustellen, kam noch dazu. So ähnlich fühlt man sich wahrscheinlich nach einem Lottogewinn (oder zumindest Glücksspirale).
Ich war erleichtert. Der Traum konnte war werden! Ich konnte jemanden zu meiner Entlastung einstellen! Nie wieder abhetzen, tragen, kochen, mich kümmern!
Tja.
Nur leider hatte ich diese Rechnung ohne B gemacht. Der verstand nämlich gar nicht so richtig was ich wollte....es war ihm total unbegreiflich, warum wir ein Kindermädchen für Lennard brauchten sollten. Bzw warum er eins brauchen sollte. Überhaupt hat er glaube ich nie nachvollziehen können, warum ich es teilweise so belastend mit Lennard empfand. Sogar wenn ich offen darüber sprach, war es, als ob er es zwar hörte, aber es nicht bei ihm ankam. Mittlerweile glaube ich, dass er der Tatsache, dass ich immer wieder mit Lennards Situation überfordert bin, ziemlich hilflos gegenüber steht.
Wir beschlossen, das Pflegegeld zwischen uns aufzuteilen und jedem freie Verfügung über seine Hälfte zu geben. Ich war mir unschlüssig, was ich mit diesem Geld tun sollte und beschloss, zunächst abzuwarten und es zurückzulegen.
Persönlich und beruflich begann für mich eine Phase sehr starker und intensiver, manchmal ächzend-holpriger und zäher Veränderungen. Das erste Mal seit Jahren hörte ich komplett auf, zu trainieren. Über mehrere Monate. Ich konnte einfach nicht mehr. Nicht unbedingt physisch, aber psychisch und mental schien die Disziplin und das Committment, das ein regelmäßiges Training erforderte, wie ausgezehrt und aufgebraucht. Ich hätte schreien können ob des Widerstandes, der sich gegen meine Trainingsroutine stemmte. So tat ich, was ich konnte, und gab diesem Widerstand nach.
Ich hatte etwas Bedenken, wie mein Körper und meine Psyche auf diese stark verminderte Aktivität reagieren würden. Viel passierte eigentlich nicht. Ich nahm etwas ab, wie immer wenn ich mein Training reduzierte, und ansonsten hatte ich eher das Gefühl, dass ich mich erholte. Irgendwann merkte ich sogar einen Aspekt, der mir ungeheuer gut tat: Durch das Nicht-Training fühlte ich mich irgendwie zarter, zerbrechlicher.....weiblicher. Auch irgendwie normaler. Nicht so Achiever-mäßig.
Lennard war nun also im Kindergarten, und auch das fühlte sich irgendwie normal an. Es war fast so, wie mit einem "normalen" Kind: Morgens halt in den "normalen" Kindergarten bringen und am Nachmittag wieder abholen. Wenn er irgendwo saß, sah er aus, wie ein "normales" Kind: Sein Engelsgesicht, sein Körper in ganz normaler Kleidung, und er begann auch zunehmend zu sprechen und sich mit anderen unterhalten zu können. Ich war eine ganz normale gestresste berufstätige alleinerziehende Mutter.
Ein neuer Mann trat in mein Leben. Mit G war es von Anfang an was Ernstes, keine Skepsis bezüglich der Beziehung. Er traf gerade in dieser zarten, zerbrechlich-weiblichen Phase auf mich - und damit natürlich auf fruchtbaren Boden. G hatte selbst eine kleine Tochter, die bei der Mutter lebte und wusste daher um die Herausforderungen des Elternseins in Trennungsituationen. Er hatte schnell einen engen Bezug zu Lennard, und nahm die Verantwortung als "Patch-Papa" aktiv von sich aus an. Mehr noch. G war Physiotherapeut und brachte daher ganz viel Kompetenz mit, von der Lennard profitieren konnte.
So entstand nun also doch eine Art Entlastung durch die Partnerschaft, wie in "normalen" Familien auch. Oder?
Ich bin mir nicht sicher - und rückblickend kann ich mittlerweile etwas klarer benennen, warum dieses Bild nicht ganz treffend und bisweilen schief war. Wenn ich ehrlich mit mir bin, so war mir diese Verantwortungsübernahme teilweise etwas zu viel und nicht angemessen. G und ich sahen uns nur an den Wochenenden, so dass er in der Woche für Lennard nicht präsent war. Daher fühlte es sich komisch an, wenn er dann am Wochenende dann auf einmal die Verantwortung "anzog". Und auch die therapeutische Kompetenz...ja, auf der einen Seite hatte es schon etwas sehr beruhigendes und Sicherheit gebendes, dass G mit Lennard kompetent arbeiten konnte - auf der anderen Seite hatte es auch manchmal so etwas pflichtbewusstes, "helfer-syndrom-artiges". Das war für mich manchmal schwer anzunehmen, weil daraus eine Art Erwartungshaltung bei mir an mich selbst entstand: Nämlich, dass ich meiner Pflicht, für Lennards Wohl zu sorgen, bessen nachkommen könnte. Und vielleicht doch regelmäßig zu Hause mit ihm trainieren........ihn zu fordern und zu fördern....Dabei war ich ja eher auf der Suche, Lennard so anzunehmen wie er war, und entspannt mit ihm abhängen zu können.
Und....manchmal war da so ein leises Gefühl, dass ich mir die Pflege, die G Lennards Gewebe zukommen ließ, auch für mich und unsere Paarbeziehung wünschte....
Ich ging dem "mir Hilfe und Unterstützung suchen" weiter nach. Eine sehr gute Coach half mir durch die ächzend-holprigen und zähen Phasen meines beruflichen Wechsels (an dessen Ende ein neuer spannender Job stand), eine Zeit lang begleitete mich eine spirituelle Mentorin in einigen in mir brennenden Fragen, und ein paar Sitzungen bei einer auf Trennungssituationen spezialisierten psychologischen Beraterin unterstützen mich bezüglich des nach wie vor nicht einfachen Verhältnisses zu B. Das Thema Kindermädchen/Pflegekraft blieb offen; auch weil durch Gs Anwesenheit an den Wochenenden die Situation mit Lennard für mich nicht mehr so kritisch war.
Und es ging weiter mit den Hilfen: Irgendwann nahm ich alle meine Konzentration und Kraft zusammen und beantragte bei einer Behörde die Übernahme von Kosten für einen Fahrdienst zwischen Kindergarten und Wohnung. Bisher hatte ich mich sehr zurückgehalten, was die Beantragung von Dingen bei Behörden anging - aus Sorge vor viel zähen Antragsprozeduren und unübersichtlichen Gesetzeslagen. Aber nun schien es mir die Mühe wert, denn ohne Auto war die Strecke mitsamt aller Hilfsmittel, die Lennard zusätzlich zum Rollstuhl immer dabei hatte, nicht mehr zu bewältigen. Der Antrag wurde bewilligt - wieder so ein Glücksspirale-Moment. Ich hatte gar nicht geahnt, was das für eine Riesenhilfe sein würde - allein, dass einen jemand morgens abholt und beim Tragen und Hieven hilft. Ich habe große Dankbarkeit dafür.
Lennard wurde nicht nur sprachlich gewandter, sondern insgesamt auch mobiler. Das entlastete mich, denn ich musste ihn nicht mehr so viel tragen und hochhelfen. Völlig selbstverständlich fuhr er mit dem Kindergarten im Frühsommer für 5 Tage in ein Landschulheim. Kein Heimweh. Es gibt ein Foto, wo er im Rollstuhl sitzt und mit ein paar anderen Kindern Straßenhockey spielt.
In diesem Jahr passierte ganz still und leise in mir auch eine kleine Revolution.
Es war wie eine Art langsamer Erleuchtung oder Erkenntnis: Ich begann zu verstehen, dass es nichts anzuprangern gab.
Bisher hatte ich immer, und sei es auch ganz unterschwellig, zwischen all der ehrlichen Trauer und Auseinandersetzung und dem "Ich komme damit zurecht"-Resilience-Gefühl die nagenden Fragen:
Warum eigentlich ich.
Und dass das doch unfair sei.
Warum wird es ausgerechnet mir so schwer gemacht? Wer (Gott? das "Universum"?) mir so etwas denn antun könnte.
Nun begann ich irgendwie ganz leise zu verstehen.
Sehr leise noch, zugegebenermaßen.
Dass es nicht darum ging, dass mir irgendwas angetan wurde.
Sondern dass es einfach war, ist und sein wird.
Mit all der Härte, der Trauer, der Freude, der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, der Wunder - einfach war, ist und sein wird.
Ich glaube G hatte ganz viel Anteil an dieser Entwicklung. Mit ihm habe ich das erste Mal eine Perspektive erlebt, in der es weder darum ging, Gefühle von Wut und Hoffnungslosigkeit zu unterdrücken - aber auch nicht darum, irgendwo oder bei irgendjemandem die Schuld für diese Gefühle zu suchen. Kopfmäßig hatte ich das spätestens seit dem "Kurs in Wundern" verstanden, aber ich hatte es noch nicht wirklich gespürt und erfahren. G zeigte mir, wie ich in Momenten der größten Verzweiflung atmen, mich spüren, und ich bleiben konnte.
Das erste Mal hatte ich wieder die Kraft, Lennards Geburtstag zu feiern. Es wurde eine Riesensause, mit 12 Kindern (!). G half mir, und einige Eltern blieben auch dabei, und wir hielten den Ablauf ganz einfach. Essen und Spielplatz - das war's. Es war laut. Es war total verspielt, wild, toll. Richtig schön.
"And while you're at it, please don't complain about the mindless nature of a mother's work. The great transformative nature of a mother's work is that it IS mindless. No thinking of any kind is required. [...] Yes, we all have a load on our hands, but the HEAVY is in our heads. Set the heavy down and sweep aside the useless mental clutter. Don't think of a single reason why you can't go out for ice cream. Two scoops - who's counting?
When you can do anything as though you work at nothing, you have the best days of your life."
(Momma Zen)
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