Bei all den Diskussionen und Debatten um Integration und Inklusion von Behinderten geht es häufig um eins (auch wenn das aus politischen Korretheitsgründen oft nicht explizit benannt wird): Abbau von Berührungsängsten zwischen Nicht-Behinderten und Behinderten. Immerhin sind diese wahrscheinlich der Hauptgrund, warum Integration und Inklusion überhaupt ein Thema sind. Gäbe es diese Berührungsängste nicht, gäbe es wahrscheinlich gar keinen Bedarf für eine Integrations-/Inklusionsdebatte - denn jeder würde einem Behinderten so selbstverständlich unter die Arme (oder sonst wo) greifen, wie man einem Menschen die Tür aufhält, einem älteren Menschen über die Straße hilft oder "Bitte" und "Danke" sagt.
Diese Berührungsängste finde ich übrigens absolut nachvollziehbar. Klar ist es verunsichernd, wenn ein menschliches Wesen völlig entstellt in einer seltsam verzerrt-angespannten Körperhaltung in einem Rollstuhl hängt. Oder sabbert und unverständliche Laute von sich gibt. Oder wenn der prä-frontale Kortex (Impulskontrolle) betroffen ist und die betreffenden Menschen keine Distanz zu anderen Menschen wahren können, sie anfassen, oder alle möglichen peinlichen Dinge von sich geben. Oder versuchen etwas zu erzählen, vielleicht verknüpft mit einem Bedürfnis/einer Bitte - aber man versteht einfach kein Wort, aufgrund einer Spastik der lautbildenden Muskulatur. Ganz schön hilflos fühlt man sich da, bis hin zu sehr unangenehm berührt.
Tja und was ist ein logischer Ausweg aus dieser Situation? Man schafft eine Infrastruktur speziell für Behinderte - wo sie unter sich sind und wo Menschen mit viel Kompetenz und mit wenig Berührungsängsten für sie da sein können. Therapiezentren, Frühförderstellen, Krippen, Kindergärten, Schulen, Heime, Werkstätten, Selbsthilfegruppen, Internet-Foren.
Dann merkt man irgendwann, dass das politisch vielleicht doch nicht so korrekt ist (und teuer ist es ja auch) - und die Inklusion ist geboren. Leider ändert das an den Berührungsängsten erstmal nicht so viel.
Für mich war die Entscheidung, Lennard in einer "nicht-behinderten" Umgebung aufwachsen zu lassen, nicht so sehr eine politische, gesellschaftliche und nicht etwa ein bestimmtes "Statement" - sondern eher etwas sehr Persönliches. Teilweise vielleicht auch etwas ganz Profanes. Ich wollte mir nicht vorschreiben lassen, wo ich mein Kind hinzufahren habe - Lennard sollte möglichst in der Nachbarschaft aufwachsen, nicht in irgendwelche Fördereinrichtungen am anderen Ende der Stadt. Ich wollte mir auch nicht vorschreiben lassen, was wir zu tun haben - ich wollte ganz entspannt mit ihm abhängen, Dinge unternehmen, nicht-behinderte Freunde besuchen, und nicht Übungen mit ihm machen oder zur nächsten Therapie fahren.
Eine Erkenntnis: Berührungsängste sind gewöhnungs- und sehr stark altersabhängig.
Berührungsängste von Krippenkindern: NULL
Berührungsängste von Kindergartenkindern: NULL
Berührungsängste von Grundschulkindern: Neugierige Blicke, tuscheln, Empathie, Neugier, Interesse an der Behinderung, direkte Fragen zu der Behinderung (nach dem Warum)
Berührungsängste von älteren Schulkindern: irgendwo zwischen verhalten sein und Verunsicherung, still hinschauen
Berührungsängste von Erwachsenen: irgendwo zwischen wegschauen/ignorieren, unangenehm berührt sein, extrem mitleidig und übervorsichtig
Berührungängste von Schulkindern und Erwachsenen, die seit Krippen- oder Kindergartenalter mit Behinderten zu tun hatten: NULL
In gewisser Hinsicht habe ich "Glück". Lennard ist ein sehr hübscher Junge (seine Gesichtsmuskulatur ist von seiner Spastik nicht betroffen), sein prä-frontaler Kortex funktioniert ziemlich altersgerecht, und er ist in der Lage mit seiner Umwelt mittlerweile ziemlich gut zu kommunizieren (die Spastik wirkt etwas auf seine Stimmbildung). Dazu hat er ein sehr gewinnendes Wesen, das sogar Fremde ihre Berührungsängste vergessen lässt.
Und trotzdem merke ich noch einen großen Unterschied, z.B. zwischen Lennards Kindergarten - und dem Rest der Welt.
Im Kindergarten fühlt es sich für mich eigentlich gar nicht mehr so an, als ob Lennard behindert wäre. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass andere Kinder beim Abholen zu ihren Eltern angelaufen kommen - und Lennard halt langsam mit seinen Stöcken kommt - aber mit genau der selben großen Freude wie die anderen Kinder auch.
Und im Rest der Welt: Ehrlich gesagt - ist es eine gewisse Betroffenheit, die am stärksten für mich spürbar ist. Es ist als ob sich andere Menschen gar nicht vorstellen können, wie man mit so einer Tragödie "behindertes Kind" überhaupt klar kommen kann.
Und doch ist da auch etwas anderes, etwas sehr Schönes. Es ist irgendwie, als ob Lennard, und die Tatsache wie er, ich, und sein Umfeld mit seiner Behinderung umgehen; wie wir auftreten, rumalbern, miteinander reden; alles, was wir tun; als ob das irgendwie all das Gute aus Menschen, die uns begegnen, herausholt und stärkt. Ein Lächeln, Aufmerksamkeit, ein nettes Wort, Hilfsbereitschaft. Menschen, die Lennard begegnen, scheinen irgendwie ihre Sorgen für einen Moment zu vergessen, ihren alltäglichen Ärger, ihre Strenge. Und sei es, dass sie gar nichts sagen - statt, wie vielleicht für sie sonst üblich, sich genervt zu äußern.
Manchmal ist es für mich fast schon überraschend, wie sehr das Thema Integration und Inklusion einer Diskussion und großer Durchsetzungsfähigkeit und Kraft bedarf. Es ist so selbstverständlich für mich geworden, wie sehr Lennard vom Aufwachsen mit nicht-behinderten Kindern gelernt hat - so wie jedes andere nicht-behinderte Kind auch, nur halt auf seinem Weg. Ganz klar, dass er nicht mit Samthandschuhen angefasst wird, sondern alle typischen Kinder-Erfahrungen machen darf: wachsen, streiten, freuen, lachen, mitmachen, zurechtgewiesen werden, Aufgaben erfüllen, warten, spielen. Es ist so selbstverständlich geworden, dass genau das ihm wahrscheinlich am meisten auf seinem Weg geholfen hat. Es erfordet keine besondere Einrichtung, keine besonderen Geräte, kein speziell geschultes Personal. Einfach Menschen ohne Berührungsängste und mit viel Neugier auf die Einzigartigkeit eines jeden Kindes.
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