Samstag, 2. Februar 2013

Das 6. Jahr - Die Suche beginnt.

"35-42 Jahre: Zeit der Sucherin; beginnende Wahrheitssuche und Tiefenforschung" (Entwicklungsphasen einer Frau, aus "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola Estés)

Die Suche begann zunächst ziemlich morastig, mit einem dunklen Herbst, der Lennards fünften Geburtstag folgte. Es war für mich geradezu fühlbar, dass sich unangenehme und anstrengende Ereignisse und Veränderungen ankündigten.

Sie kamen dann relativ gleichzeitig und kurz nacheinander: Die Trennung von G., eine rechtliche Auseinandersetzung mit der Behörde, die Lennards Fahrtkosten bewilligt hatte und nun aufgrund eines behördlichen Fehlers zurückverlangte, und Spannungen im Job aufgrund meiner deftigen Gehaltserhöhungsforderung. Einige weitere kleinere und größere Dinge kamen hinzu, wie etwa Belästigungen durch eine psychisch gestörte Nachbarin und Nachwirkungen eines Wasserschadens. Jedes für sich bewältigbar - aber alles zusammen.....
Auf einmal ging mir die Kraft aus.

Ich fackelte nur kurz rum, in einem eher dürftigen Versuch, meine Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Dann tat ich, was zu tun war: ich suchte mir einen Psychotherapeuten. (Und fand ihn auch.)

Nicht, dass ich nicht schon seit ich denken bin irgendwie immer auf der Suche war - aber die Therapie gab mir den dringend benötigten und systematischen Raum, und die so wichtige Begleitung und Unterstützung in ihm. Ich hatte Glück: Ich fand auf Anhieb einen Therapeuten, mit dem ich super arbeiten konnte, die Praxis ist fast um die Ecke, und ich bekam fast sofort einen Termin. Ich glaube es ist extrem wichtig, mit wem man in einem therapeutischen Kontext arbeitet, und dass man nicht zu lange wartet, wenn man die Entscheidung für diese Arbeit endlich getroffen hat.

Fast zeitgleich mit dem Beginn meiner Therapie meldete sich die in Lennards Frühförderzentrum zuständige Heilpädagogin, eine Kinder- und Jugendtherapeutin. Sie bot mir an, Lennards heilpädagogische Stunden mobil entweder im Kindergarten - oder eben bei uns zu Hause, entweder mit Lennard oder auch mal nur mit mir als eine Art Interaktions-/Erziehungsberatung durchzuführen. Noch so ein Glücksfall. Nachdem es in meiner Therapie weniger um Lennard ging, sondern um meine eigenen Themen, war ich dankbar für einen weiteren Raum, in dem ich mir meine Beziehung zu Lennard mal wieder anschauen konnte.

Die Interaktionssitzungen mit Lennard und der Therapeutin waren eine Riesennährquelle für mich. Die sehr erfahrene und fast schon wie eine Weise Frau auf mich wirkende Therapeutin gab mir die Rückmeldung, dass alles wundervoll und gut sei. Also wirklich alles! Sie meinte sie habe überhaupt nichts in meiner Beziehung zu Lennard feststellen können, was sie hätte thematisieren wollen. Sie war einfach nur beeindruckt und voller Freude, eine solch gute Bindung zwischen einer Mutter und ihrem Kind zu sehen.

Ich wusste, was sie meinte. Sie traf mit ihrer Rückmeldung auf ein Wissen und Fühlen in mir, das leise und unspektakulär über etwa zwei Jahre in mir Einzug gehalten hatte. Seit den Zeiten der größten Überforderungsgefühle hatte sich viel getan. Ich hatte mir viel Unterstützung geholt. Ich hatte viel tief geatmet. Ich hatte Lennard immer wieder bewusst angeschaut. Ich hatte alles, was in mir war, ohne Rücksicht auf Verluste und (so gut es ging) in mir wahrgenommen und gefühlt.

Und dadurch war es ruhiger geworden. In mir und zwischen Lennard und mir. Irgendwann stellte ich erstaunt fest, dass meine letzten verzweifelten Überforderungsgefühle lange her waren....

Trotzdem war es schön, dass jemand von außen das bestätigen und benennen konnte. Manchmal (oft!) tut es gut zu hören, dass man einen super Job als Mutter macht - auch wenn man selber es eigentlich weiß. Notiz an mich selbst: Suche mir immer wieder solche Leute und suche oft ihre Nähe.

Äußerlich wurde es ruhig. Ich spürte das Aufkeimen eines neuen Rückzugsbedürfnisses, um Platz für meine Suche zu haben. Manchmal fühlte sich das Außen dadurch fast stagnierend an, im Kontrast zu dem Reichtum und der Dynamik, die ich im Inneren entdeckte. Ich ging meinem normalen Leben weiter nach, während innerlich eine neue Haltung, ein neues Stadium begann.

Meine "neue" Beziehung zu Lennard fand einen wundervollen Höhepunkt in einer fast vierwöchigen Urlaubsreise kurz vor seinem sechsten Geburtstag. Wir besuchten meinen Bruder in Singapur und reisten von dort aus weiter nach Indonesien. Das war ein großer Schritt für mich, denn das erste Mal traute ich mir zu, Lennard für mehrere Wochen non-stop zu haben und mit Sack, Pack und Hilfsmittel neue Länder zu bereisen. Es war eine atemberaubend schöne Reise, für ihn wie für mich, inklusive Hürden und Herausforderungen, paradiesischen Erlebnissen und göttlichem Beistand.

Und die Suche?

Dauert an.



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