Sind behinderte Menschen eigentlich glücklich? Sollte man versuchen, ein behindertes Kind möglichst früh und mit möglichst optimaler Therapie so "normal" wie möglich zu machen? Sollte man vielleicht sogar alles dran setzen und alles andere hintenanstellen? Könnte mein Kind mir irgendwann vorwerfen, dass ich nicht genug gemacht habe? Könnte ich mir das irgendwann vorwerfen? Oder würde ich mir eher vorwerfen, nicht genug für mich getan zu haben?
Ich hatte eigentlich vor, mich selbständig zu machen, aber etwas überraschend bekam ich eine Anstellung an der Uni. Ich war hochmotiviert, erstens war die Stelle inhaltlich sehr spannend, und außerdem blieb mir eine gewisse zeitliche Flexibilität, um auf Lennards besondere Situation eingehen zu können. Auch im Bereich der Betreuung geschah ein kleines Wunder: Wir bekamen wieder einen Krippenplatz für Lennard, in einer regulären Einrichtung. Die Erzieherinnen zeigten sich sehr einfühlsam und kompetent, und der Träger erklärte sich bereit, die Gruppe, in die Lennard kommen sollte, zu verkleinern, damit die Erzieherinnen besser auf seine besonderen Bedürfnisse eingehen konnten.
Der Wiedereintritt ins Berufsleben war eine Riesen-Befreiung für mich. Endlich war ich nicht mehr nur Mutter und Mutter eines behinderten Kindes, sondern ich war wieder Frau und Mensch. Noch etwas zaghaft zwar, aber es fühlte sich großartig an. Ich wusste Lennard in den allerbesten Händen und hatte nicht das kleinste Problem damit, mich auf diese neue Situation einzulassen.
Kontakte zu anderen Müttern und Eltern mit kleinen Kindern wurden weniger. Eigentlich ging es aber gar nicht mehr so darum, dass Lennard anders war und ich vor anderen Herausforderungen stand als Eltern mit gesunden Kindern. Eigentlich war es mehr die Tatsache, dass mir diese ganzen Kinder-Themen im Allgemeinen nicht mehr so wichtig waren. Vielleicht begann damals ein Prozess, der auch heute bei weitem nicht abgeschlossen ist: die Entscheidung, dass Lennard nicht mein Lebensmittelpunkt werden würde, sondern einfach ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Ein schwieriger Prozess, der nach wie vor eine Suche mit immer wiederkehrenden Schuldgefühlen ist.
Dies betraf auch Lennards medizinsche Betreuung und Therapie. Das Förderungssystem kam mir sehr defizitorientiert vor, und damit konnte ich nicht so viel anfangen. Ich fing an, Lennards Behinderung als Teil von ihm zu akzeptieren, und irgendwie sah ich nicht, wie eine engmaschige therapeutische Betreuung das Heil auf Erden bringen sollte. Würde Lennard wirklich glücklicher sein, wenn er irgendwann mal laufen kann bzw wie viel kann man ihm auf dem Weg dorthin zumuten? Wie viel kann ich mir zumuten? Das sind Fragen, die damals entstanden. Ich zog mich zunehmend aus den medizinschen Untersuchungen zurück, B übernahm zunehmend diesen Bereich. Ich wollte damit irgendwie in Ruhe gelassen werden, und möglichst viel Normalität in meinem und Lennards Leben bewahren. Zum einen war ich dieser ganzen Anforderungen, die auf mich einprasselten, etwas müde; gleichzeitig wollte ich aber auch einfach nicht, dass ständig an ihm "herumgedoktert" wurde.
Kurz nach dem ich meinen neuen Job angetreten hatte, forderte B ziemlich vehement ein, dass wir in getrennte Wohnungen ziehen. Ich war tief enttäuscht - ich wollte unser Eltern-WG-Projekt nicht einfach so scheitern lassen. Viel wesentlicher war aber, dass ich einfach Angst vor diesem Schritt hatte. Lennards Behinderung, ich gerade erst im Job zurück - ich hatte das Gefühl ich könnte die Wohnungssuche, den Umzug und das Alleinewohnen noch nicht stemmen. Im Endeffekt war dann aber alles ganz einfach und ging relativ fix. Ich richtete mir eine Oase ein, in die ich jeden Tag gerne zurück komme.
Nach ein paar Monaten im neuen Job fing ich zusätzlich an, wieder in meinem heißgeliebten Job als Konditionstrainerin für einen Eishockeyverein zu arbeiten. In diesem Zuge stillte ich Lennard schließlich komplett ab, er war knapp zwei Jahre alt. Mein hohes Arbeitspensum erforderte, dass wir uns mit B auf ein gut funktionierendes Betreuungsmodell einigen mussten. Lennard würde ab dem Zeitpunkt jeden zweiten Tag bei mir und bei B verbringen, ein Modell, das nach wie vor erfolgreich Bestand hat. Seit seinem Krippeneintritt bekam er 2, später 3 Therapieeinheiten pro Woche mobil in die Krippe, und für eine weitere Stunde brachte B ihn ein mal pro Woche in die Klinik.
Rückblickend bin ich stolz darauf, wie wir alle diese ersten Ablöseprozesse gemeistert haben.
Einige Tage vor seinem zweiten Geburtstag wurde Lennard getauft. B und ich konnten uns lange nicht entscheiden (und es gab ja auch weiß Gott erstmal andere Baustellen), da wir beide keine gläubigen Christen geschweige denn Kirchgänger waren. Wir entschieden uns dann aber schließlich doch relativ klar dafür, worüber ich auch heute noch froh bin. Die Kirchzugehörigkeit war mir dabei gar nicht so wichtig, aber irgendwie fühlte es sich gut an, ihn symbolisch auch in Gottes schützende Hände zu legen.
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