Es gibt einen wunderschönen Text von Christine Kladnik (Besondere Mütter besonderer Kinder) darüber, wie die Mütter von behinderten Kindern ausgesucht werden. In einem Dialog heißt es über diese Mütter: "Verstehst du-, das Kind, das ich ihr schenken werde, wird in seiner eigenen Welt leben. Und sie muss es zwingen, in der ihren zu leben. Das wird nicht leicht."
Das Leben nahm in schnellem Tempo an Fahrt auf. Die Anzahl der Kalendereinträge surrte nach oben. Ich war wieder gut im Berufsleben angekommen, und mittlerweile sogar ziemlich eingespannt. Das Nebeneinander meiner zwei Jobs riss mich mit, endlich konnte ich wieder zeigen, was in mir steckte. Und es ging weiter. Ich fing endlich auch wieder an, selbst in einer Mannschaft Eishockey zu spielen, ich genoss den Wettkampf und spielte eine ganz gute Saison. Die Wochenenden waren so natürlich voll; ich war bei jedem Heimspiel der Profi-Mannschaft, für die ich als Konditionstrainerin arbeitete, und dann bei meinen Spielen mit den Frauen. Nebenbei organisierte ich eine top besetzte Konferenz zum Thema Konditionstraining und Sportmedizin im Eishockey - ein großer Traum von mir, den ich endlich wahrmachte.
Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, so war es vielleicht auch eine Art zurückholen dessen, was ich "verpasst" hatte, als ich in meinem Beruf und sonstigen Aktivitäten pausierte, um mit Lennard zu Hause zu bleiben und mich um ihn zu kümmern. Jetzt, da er absolut gleichwertig bei B und mir sein konnte und wollte, bekam ich rein zeitlich eine Flexibilität und Freiheit, die ich im Nu mit vielen Dingen füllte. Ich prüfte meine eigenen Grenzen und die Grenzen meiner "Welt". Unser Betreuungsmodell war mittlerweile gut eingespielt, und für Lennard war es absolut natürlich und selbstverständlich, dass wenn er an einem Tag bei Mama war, am nächsten Tag eben beim Papa sein würde und umgekehrt. Trotzdem denke ich, dass sich B in dieser Zeit auch besonders flexibel gezeigt hat, damit ich die Chance hatte, meine ganzen Termine und den beruflichen Wiedereinstieg zu packen.
Nach wie vor hatte ich wenig Interesse an Lennards medizinischen Betreuern, dies blieb nach wie vor eher Bs Bereich. Ich war eher diejenige, die nach therapeutischen Nischen Ausschau hielt, z.B. cranio-sacrale Ansätze, Feldenkrais, später auch Rolfing. Alles was den "Menschen Lennard" in seiner Ganzheit sah - und nicht nur die Spastiken in den Beinen oder die Rumpfhypotonie. Gleichzeitig entwickelte ich in dieser Zeit einen gewissen Pragmatismus, was seine Förderung anging - ich wollte für ihn, dass er im Leben lernt, und nicht nur in Therapieräumen. Vielleicht war das ein Start, ihn in meine Welt zu zwingen. Als er etwa 2,5 Jahre alt war und seit einigen Wochen in der Therapie mit einem Rollator arbeitete, nahm ich diesen Rollator leihweise übers Wochenende aus der Krippe mit. Nicht, um zu Hause mit ihm Therapie zu machen, sondern damit er mit mir spazieren gehen konnte. Am ersten Tag musste ich ihn dabei noch festhalten, am zweiten Tag ließ ich ihn irgendwann los, und er machte seinen ersten "eigenen" Spaziergang.
Ich hatte nie die Kraft dazu oder die Freude daran, mit Lennard zu Hause Übungen zu machen, wie die Therapeuten und Ärzte das immer dringend empfohlen haben. Es ging einfach nicht, ich konnte mich nie dazu bringen. Schwer zu sagen, ob ich einfach nie an den Erfolg dieser Übungen geglaubt habe oder ob ich einfach meine Ruhe haben wollte.
Auch körperlich und privat lotete ich wieder meine Welt und meine Grenzen aus. Ich trainierte sehr intensiv und baute viel körperliche Kraft aus; in einigen Bereichen war ich besser in Form als jemals zuvor. Ich ging durch eine 10er-Serie Rolfing. Ich ließ meine sozialen Kontakte wieder aufleben und genoss es, wie "früher" auszugehen und es krachen zu lassen. Ich lernte einen Mann kennen, K. Ich war das erste Mal länger, fast vier Wochen, von Lennard getrennt, und konnte mich wirklich regenerieren. Ich genoss jede Sekunde davon. Ich vermisste ihn nicht. Ich freute mich, ihn nach dieser Zeit wieder zu sehen.
Ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, dass das alles vielleicht auch etwas zu viel war. Ich denke, dass ich diese Phase sehr gebraucht habe, um diese Grenzen auszuloten. Hinweise, die ich fleißig ignoriert habe, gab es natürlich zu genüge, allein körperlicher Art. Meine Beckenbodenprobleme, die ich seit Lennards Geburt hatte, wurden nicht besser - wie auch, bei der ganzen "Last", die ich zu tragen hatte. Meine Schulter, die vom Lennard-Heben und Herumtragen ziemlich im Eimer war, regenerierte sich schließlich, als ich ihn die erwähnten fast vier Wochen nicht tragen musste. Ich schlief zu wenig, ich fing an, meine Konzentration schneller zu verlieren. Das Ausgehen bekam die Funktion, mich aus meiner Welt hinauszukatapultieren.
Lennards 3. Geburtstag feierten wir im kleinen Kreise. Ich war am Abend vorher weg gewesen und etwas müde. B brachte Lennard am frühen Nachmittag und verabschiedete sich gleich wieder. Ich hatte K (mit dem ich damals eine lose Nicht-Beziehung führte und der zufällig am gleichen Tag wie Lennard Geburtstag hatte) und seinen besten Kumpel zum Kaffee und Kuchen eingeladen. Außerdem noch M, Lennards heißgeliebten Patenonkel und meinen besten Freund. Meine beste Freundin kam auch und versprühte ihren Humor, der mir wie immer gut tat. Zwischendurch schaute auch eine weitere gute Freundin, eine Nachbarin, die Lennard sehr mochte, vorbei. Alle blieben bis zum Abend, irgendwann versuchte ich vergeblich, Lennard zum Einschlafen zu bewegen. Alle hatten noch Pläne für den Abend und gingen irgendwann. K trug an dem Tag eine Art Party-T-Shirt mit einer stilisierten Frauen-Silhouette drauf. Ich blieb allein mit Lennard zu Hause.
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