Dienstag, 14. September 2010

Das 4. Jahr - Konsolidierung und Transformation

Konsolidierung, à la Wikipedia: "Das Wesen der Konsolidierung ist das Zusammenfassen, Zusammenrücken, Verschmelzen von Dingen, die zusammengehören, so dass unerwünschte, nicht passende oder kranke Dinge ausgeschlossen werden und ein klareres und kompakteres Ganzes entsteht, das mehr Einfachheit, Festigkeit und Gesundheit hat."

Es folgte mein persönlicher Paukenschlag. Nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit dem sportlichen Leiter wurde ich von meinem heißgeliebten Job als Konditionstrainerin freigestellt. Ich war gerade ein paar Tage (uni-)dienstlich unterwegs. Die Freistellung war bis auf weiteres, aber nach drei Wochen sollte weiter entschieden werden. Im Nachhinein bin ich fast erstaunt, wie sehr es mir den Boden unter den Füßen wegzog. Immerhin fand ich zwischen Heulerei und Frust-Party-machen einen klaren Gedanken und fuhr das erste Mal seit Lennards Geburt alleine und nur für mich in den Urlaub.

Ich kam wieder - und alles ging weiter wie bisher, inklusive Konditionstrainerjob. Aber es entstand ein ganz kleiner, noch zarter Gedankenkeim, dass es vielleicht auch andere Wege geben könnte, als sich abwechselnd mit Arbeit platt zu machen und dann aus der Welt hinauszukatapultieren. Ich beendete die Nicht-Beziehung mit K. Nicht weil ich ihn nicht wollte oder mochte - im Gegenteil, er bedeutete mir sehr viel. Gleichzeitig konnte ich es nicht mehr mit mir vereinbaren, wie beliebig wir miteinander umgingen. Wie beliebig ich mit mir selbst umging.

Ansonsten blieb aber alles bei Vollgas. Fast alles. Ich fing an, mir privat ein ganz kleines bisschen mehr Ruhe zu nehmen, weniger zu unternehmen, und meine aktuelle Situation zu reflektieren. Rückblickend war es für den Weg zu mir selbst eine sehr wichtige Zeit. In dem Moment war es zum großen Teil einfach schmerzhaft, diese Reflexionen auszuhalten.

Zu Lennard hatte ich eine etwas undefinierte Beziehung. Ich konnte ganz schlecht mit ihm alleine sein, wusste nicht, was ich mit ihm machen sollte. Ich fand es körperlich anstrengend, ihn so viel zu heben und zu tragen. Es ging sogar noch weiter. Ich entdeckte ein fieses, verstecktes Gefühl: dass er mich vom Leben abhielt, wenn er bei mir war. So ein Gefühl, dass ich in der Zeit nicht arbeiten, trainieren oder etwas anderes sinnvolles oder interessantes machen konnte. Ich war entsetzt über diese Feststellung und über mich selbst. Ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt Liebe für ihn hatte. Manchmal, wenn B mal am Wochenende nicht da war und ich Lennard ganze Tage hatte, war es kaum auszuhalten. Ich fühlte mich gefangen und unfähig, überhaupt irgendetwas zu planen.

Wenn ich ihn ansah, war es, als ob ich einen Engel sah.

Leichter fand ich es, wenn ich mit anderen etwas machte oder einfach nur Routinetätigkeiten wie Einkaufen mit ihm unternahm. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich dann nicht einfach zusah, dass ich immer andere Leute um mich hatte, wenn er bei mir war. Stattdessen steuerte ich zielsicher diese schwierigen Situationen mit ihm alleine an. Es fühlte sich fast so an, als ob ich mich selbst bestrafen wollte oder mir immer wieder vor Augen führen wollte, was für eine unfähige Mutter ich war. Auch wollte ich anderen nicht mit ihm zur Last fallen. Aber ich denke es war auch noch ein konstruktiver Aspekt dabei: In dem Alleinsein mit ihm habe ich mir auch Zeit gegeben. Irgendwie wollte ich unbedingt herauszufinden, was eigentlich das Problem war und ob es nicht auch leichter sein könnte.

In dieser ganzen Dynamik war es irgendwie auch nicht überraschend, dass das Betreuungsmodell und das Verhältnis zu B Risse bekamen. Wir fingen an, immer öfter darüber zu diskutieren, wer Lennard mehr hatte und B beschwerte sich, dass er ihn wegen meiner ganzen Aktivitäten immer mehr nehmen musste. Auch fühlte er sich in dem medizinischen-therapeutischen Bereich von mir zu sehr alleine gelassen. Es war ausweglos: ich versuchte nach wie vor das Verhältnis mit B zu verbessern, weil ich meinte, das zu brauchen, um ihm mehr entgegenzukommen. Er dagegen wollte mehr Entgegenkommen von mir, um überhaupt in der Lage sein zu können, ein besseres Verhältnis zu mir zu haben.

Meine Bereitschaft, mich auf Lennards Ärzte und Therapeuten einzulassen, erreichte einen Tiefpunkt. Ich hatte kein Problem mit ihnen an sich, aber ich hatte einfach Null Interesse, mich mit ihnen und ihren Empfehlungen auseinanderzusetzen. Ich wollte, dass sie einfach ihre Arbeit machen, B das möglichst koordiniert, und solange ich nicht das Gefühl hatte, dass irgendwas davon Lennard schaden würde, war mir alles Recht. Ich begann, mit Lennard zum Rolfing zu gehen.

Auf einmal fanden K und ich wieder zueinander, und wir schienen bereit dafür, es diesmal etwas ernster anzugehen. Ich hatte mich schon eine Weile ganz allgemein mit dem Gedanken auseinandergesetzt, ob das wohl geht, ob ich wohl jemals als alleinerziehende Mutter mit einem behinderten Kleinkind einen Partner finden würde. Denn dass ich eigentlich einen wollte, war mir mittlerweile klar.
Ich glaube mittlerweile, dass es geht. Mit K ging es leider nicht, er beendete die Beziehung etwa ein halbes Jahr später. Das hing natürlich nicht mit Lennard zusammen.

K hatte immer eine gewisse Non-Chalance in Bezug auf Lennard, er ignorierte ihn nicht, aber er schien mir immer sehr bemüht, aus Lennard einfach kein großes Thema zu machen. Er wollte explizit nicht, dass Lennard sich in irgendeiner Form an ihn gewöhnen könnte (was -im Nachhinein- in seiner latenten Skepsis bezüglich unserer Beziehung begründet lag). Gleichzeitig hat es mich immer wieder erstaunt und beeindruckt, wie natürlich, liebevoll und selbstverständlich er mit Lennard umging.
Diese Beziehung mit K hat mir (neben sehr vielen sehr schönen Dingen) die Chance gegeben, mich mit diesem Aspekt auseinanderzusetzen, dafür bin ich sehr dankbar, denn es war sehr heilsam. K sagte mir mal in einem Gespräch, dass man mir schon anmerke, dass ich Lennard betont gerne "abgebe", wenn er oder andere dabei sind. Heute denke ich, dass ich die Beziehung mit K, aber auch das Thema Beziehung allgemein als etwas gesehen habe, dass mir in Bezug auf Lennard Entlastung und Heil bringen würde, so nach dem Motto "wenn ich erstmal einen Partner habe, dann wird das mit Lennard auch leichter". Das konnte und kann natürlich nicht funktionieren.

Ich fing an, in meinem Leben aufzuräumen. Erst sagte ich die geplante Wiederholung der Eishockey-Konferenz ab. Als nächstes verabschiedete ich mich von meinem heißgeliebten Job als Konditionstrainerin, trotz Aufstieg und erste Liga. Ehrlicherweise war er vielleicht doch nicht mehr so heißgeliebt, und ich wollte einfach mehr Zeit und weniger Druck, körperlich immer in top Form sein zu müssen. Es ging weiter. Ein drittes, größeres Sport-Projekt kam auf meine Streichliste. Und nun stehe ich in Gesprächen, wie und ob es mit meinem Uni-Job weitergeht.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte mich in einem ruhigen Moment, ob ich vielleicht gar nicht so viel tun müsste, um eine gute Mutter für mein Kind zu sein. Ganz zaghaft fing ich an zu überlegen, ob vieles was ich machte und wofür ich stand, vielleicht sogar ganz in Ordnung war. Ob es nicht vielleicht einfacher für mich werden könnte, wenn ich mir nicht ständig Schuldgefühle machen würde.

Ich wurde noch mutiger. Was wäre, wenn ich zwar Verantwortung für mein Tun übernehme, aber mich nicht für das Glück anderer verantwortlich fühle? Könnte ich Lennard Führung und Sicherheit geben, ohne einem bestimmten vorbildlich-rollenhaften Mutterbild entsprechen zu müssen?

Seit einigen Wochen habe ich ein seltsames Gefühl. Es ist als ob ich plötzlich angefangen habe, intuitiv zu verstehen, wie Lennard tickt. Es ist noch schwer in Worte zu fassen, aber sein ganzer Entwicklungsprozess, der für mich bisher teilweise unnachvollziehbar war, bekommt eine Struktur. Ich fange an, seine Bewegungsmuster zu entziffern und zu spüren, was er für Hinweise für sie braucht. Ich sehe ein System in seiner Lautbildung und wie er Sprache lernt. Seine Kognition und emotionale Kompetenz kann ich zusehends mit Klarheit einschätzen und mit wenig Anstrengung auf sie eingehen.

Noch 2,5 Wochen im 4. Jahr.


A process of profound and radical change that orients an organization in a new direction and takes it to an entirely different level of effectiveness. [..] Transformation implies a basic change of character and little or no resemblance with the past configuration or structure. (BusinessDictionary.com)

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